Die Nikon F2 war seinerzeit das Objekt der Begierde – zumindest für Fotografen, die es ernst meinten. Ende der 1970er-Jahre gehörte sie zum Standard professioneller Sport- und Pressefotografen. Eine Kamera für harte Einsätze: rein mechanisch, zuverlässig und, so schien es, nahezu unzerstörbar.
Dass diese Einschätzung nicht ganz falsch war, durfte ich selbst erfahren.
Die Kamera, die einen Sturz überlebte
Bei einem Tennisturnier wechselte ich gerade das Objektiv, als mir die Kamera aus den Händen glitt. Fünf Meter Fallhöhe sind für eine Kamera normalerweise ein ziemlich überzeugendes Argument, ihren Dienst für immer einzustellen. Die F2 sah das offenbar anders. Außer einer kleinen Delle im Gehäuse blieb sie erstaunlicherweise unbeeindruckt.
36 Bilder – und dann war Schluss
Für mich war das die Zeit, die man heute vielleicht als „Slow Photography“ bezeichnen würde. Fotografiert wurde analog auf 35-mm-Kleinbildfilm – 36 Aufnahmen pro Patrone. Das klingt aus heutiger Sicht geradezu asketisch. Selbst der Motorantrieb, der bis zu fünf Bilder pro Sekunde ermöglichte, änderte daran wenig: Irgendwann waren die 36 Bilder schlicht voll.
Also war Zurückhaltung angesagt. Nicht jedes Bild musste gleich eine Serie von zehn Aufnahmen werden. Bei einem Fototermin kamen wir deshalb meist mit vier oder fünf belichteten Filmen zurück ins Labor. Und dann begann das Warten.
Autofokus? Fehlanzeige.
Scharfstellen mit Gefühl
Scharfgestellt wurde von Hand – und gerade beim Sport war das eine echte Herausforderung. Ein Tennisball, ein Spieler, eine schnelle Bewegung: Alles musste im richtigen Moment zusammenpassen. Legendär war deshalb das 400-mm-Teleobjektiv von Novoflex. Mit seinem charakteristischen Pistolen-Handgriff sah es nicht nur spektakulär aus, sondern erlaubte tatsächlich ein erstaunlich schnelles manuelles Fokussieren. Heute würde man vermutlich sagen: ein Autofokus für den rechten Zeigefinger.
Die Nikon F2 selbst lag mit ihrem Prismensucher hervorragend in der Hand. Das Pentaprisma lieferte ein aufrechtes und seitenrichtiges Sucherbild und machte die manuelle Fokussierung vergleichsweise komfortabel.
Objektive statt Zoom
Und Objektive gab es reichlich: 20, 28, 35, 85 und 200 Millimeter gehörten ebenso zu meinem Equipment wie das 500-mm-Spiegelobjektiv. Heute würde man für eine solche Brennweitenpalette wahrscheinlich einen gut gefüllten Fotorucksack benötigen. Damals bedeutete sie vor allem eines: Objektivwechsel.
Bei zwei Kamerabodies ließ sich das etwas reduzieren – eine Kamera mit Weitwinkel, die andere mit Tele. Trotzdem musste man je nach Motiv immer wieder umbauen. Staub auf dem Sensor war damals allerdings kein Thema. Dafür hatte man andere Sorgen: Staub auf dem Film, Kratzer auf dem Negativ – und vor allem die Frage, ob das entscheidende Bild überhaupt richtig belichtet war.
Der Nikon-F-Bajonettanschluss erwies sich dabei als ausgesprochen langlebig. Viele Objektive konnten auch an späteren Nikon-Generationen weiterverwendet werden. Eine Investition in gute Nikon-Optiken war deshalb nicht nur eine Anschaffung für den Moment, sondern oft eine Begleitung über viele Jahre.
Wenn ich heute mit einer Nikon Z9 fotografiere und mit Serienbildgeschwindigkeit, Autofokus und nahezu unbegrenztem Speicher auf ein Motiv halte, ist der Unterschied kaum größer vorstellbar.
Und doch vermisse ich manchmal diese Beschränkung auf 36 Bilder.
Sie zwang dazu, genauer hinzusehen. Den Moment vorherzusehen. Auszulösen, wenn man überzeugt war: Das ist es.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum mir die Nikon F2 bis heute in Erinnerung geblieben ist. Sie war nicht nur eine hervorragende Kamera. Sie war ein Stück meiner fotografischen Lehrzeit – und eine ziemlich robuste noch dazu.
Vom Fußballplatz bis ins Olympiastadion
Eingesetzt wurde die F2 bei mir vor allem im Sport – vom Fußball in der Kreisklasse bis hinauf in die Bundesliga. Der vielleicht eindrucksvollste Einsatz führte mich ins Münchener Olympiastadion. Arminia Bielefeld gastierte bei 1860 München. Für die Arminia war es allerdings sportlich kein besonders erfreulicher Nachmittag – die Punkte blieben deutlich in München. Für mich als Fotograf war das Spiel trotzdem ein Erlebnis: Bundesliga-Fußball im Olympiastadion, mit der F2 und langen Brennweiten am Spielfeldrand.
Nicht alle Sportereignisse blieben wegen des Ergebnisses in Erinnerung. Manche Bilder entstehen in Sekunden und lassen einen auch Jahrzehnte später nicht los. Dazu gehörte die schwere Verletzung von Ewald Lienen bei einem Bundesligaspiel bei Werder Bremen. Solche Momente zeigen die andere Seite der Sportfotografie: Man fotografiert nicht nur Tore, Zweikämpfe und Jubel, sondern manchmal auch Szenen, die man lieber nicht gesehen hätte.
Auch in der Halle musste sich die Ausrüstung bewähren. Bei Handball-Länderspielen in der Dortmunder Westfalenhalle waren vor allem die lichtstarken Objektive gefragt. Das Licht in Sporthallen war aus heutiger Sicht alles andere als üppig, hohe ISO-Werte wie bei einer modernen Nikon Z9 waren keine Option. Also musste man mit lichtstarken Objektiven, möglichst kurzen Verschlusszeiten und einem sicheren Gespür für den richtigen Moment arbeiten.
Was bleibt
Wenn ich heute mit einer Nikon Z9 fotografiere und mit Serienbildgeschwindigkeit, Autofokus und nahezu unbegrenztem Speicher auf ein Motiv halte, ist der Unterschied kaum größer vorstellbar.
Und doch vermisse ich manchmal diese Beschränkung auf 36 Bilder.
Sie zwang dazu, genauer hinzusehen. Den Moment vorherzusehen. Auszulösen, wenn man überzeugt war: Das ist es.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum mir die Nikon F2 bis heute in Erinnerung geblieben ist. Sie war nicht nur eine hervorragende Kamera. Sie war ein Stück meiner fotografischen Lehrzeit – und eine ziemlich robuste noch dazu
Die F2 war dabei kein Museumsstück, sondern ein echtes Arbeitsgerät. Sie musste funktionieren – und sie tat es.
Licht – Erinnerung – Emotion“